"Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um"

Digitale Supermächte erstellen neue Regeln für die Gesellschaft und die Arbeitswelt. 
Daher werden Prognosen für die zukünftige Entwicklung schwieriger als zuvor. Fest steht nur, dass sich die Veränderungsrate dramatisch erhöhen.
Nach der Lehre vierzig Jahre bis zur Rente in einem Beruf zu bleiben wird für die nächste Generation quasi unmöglich.
Ein deutliches Interview mit dem Philosophen Richard David Precht im DLF ist hörens- bzw. lesenswert.


Die Digitalisierung der Arbeitswelt werde Millionen Arbeitsplätze kosten, auch in Deutschland. Eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft noch nicht einmal ansatzweise gestellt habe, sagte der Publizist und Philosoph Richard David Precht im DLF. Auch in Zukunft würden Menschen noch arbeiten, aber vielleicht nicht mehr für Geld.
Richard David Precht im Gespräch mit Karin Fischer


"Arbeiten werden die Menschen auch in Zukunft, aber sie werden es vielleicht nicht mehr für Geld tun", sagt der Publizist und Philosoph Richard David Precht im DLF. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)Es ist nur eine Frage der Zeit, bis annähernd die Hälfte der Menschen keinem normalen Nine-to-five-Job mehr nachgeht, sagt der Philosoph Richard David Precht, und fügt hinzu: "Arbeiten werden die Menschen auch in Zukunft. Aber sie werden es vielleicht nicht mehr für Geld tun, und sie werden es vielleicht nicht mehr für eine Firma tun und sie werden es nicht mehr in einem Angestelltenverhältnis tun."
Seine Prognose in den "Kulturfragen" des Deutschlandfunks: "Was übrig bleibt, werden die Jobs sein, in denen Menschen lieber mit Menschen zu tun haben, im Kindergarten zum Beispiel oder in der Schule. Auch in Zukunft werden unsere Kinder nicht von Robotern unterrichtet."
Das Problem ist dabei nicht das selbstfahrende Auto, das laut Precht ebenso sicher kommt wie das bedingungslose Grundeinkommen. Das Problem: "Technologischer Fortschritt wird ja nicht auf demokratischem Weg erzeugt, sondern von kommerziellen Unternehmen vorangetrieben. Es entstehen digitale Supermächte, und denen kann völlig egal sein, wer unter ihnen in Deutschland Bundeskanzler ist oder amerikanischer Präsident. Und eine solche Machtfülle ist nicht gut. Wir bekommen eine Art technokratischer Diktatur."
Die nächsten Jahre werden schwierig, so Prechts Prognose, der glaubt, dass die digitale Revolution die Gesellschaft erst einmal negativ verändern wird. Grundsätzlich könnte mit ihr aber ein Menschheitstraum wahr werden: "Die Befreiung des Menschen von der entfremdeten Arbeit. Das ist ein alter Menschheitstraum, eine positive Utopie: Arbeit als das zu definieren, worin Sie selber vorkommen und nicht als das, wofür Sie Geld kriegen."
Der Umgang der Politik mit dem Thema heute von Donald Trump bis Martin Schulz sei allerdings völlig unangemessen, so Precht: "Wir versuchen im Moment, den Arbeitsmarkt von gestern mit einem Mindestlohn zu stabilisieren. Gutverdienende Piloten streiken, um ihre Privilegien zu sichern, bevor in zehn Jahren kein einziger Pilot mehr ein Flugzeug fliegt. Was wir im Augenblick machen: wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um."

 

Quelle und das Interview in voller Länge: Deutschlandfunk

 

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