Clash of cultures: Old Economy trifft auf New Work


New Work Camp Wremen 2017 12. – 14. November

„Warum hat das Gras keinen Chef und wächst trotzdem?“

 

Unter diesem Motto hatten das Upstalsboom Hotel Deichgraf und der BVMW (Bundesverband mittelständische Wirtschaft) zum ersten New Work Camp in Wremen eingeladen. Und eine bunte Mischung an Teilnehmern hatte sich für zweieinhalb Tage eingefunden. Viele mittelständische Unternehmerinnen und Unternehmer wurden von einer Handvoll Berater und einer Gruppe „Upstalsboomer“ ergänzt.

Ich selbst hatte 23 Jahre ein mittelständisches Unternehmen geführt und bin nach meinem EXIT nun als Berater unterwegs. Mein Unternehmen hatte ich unbewusst nach den Ideen der New Work geführt und fühlte mich daher gut aufgehoben.

 

Die erste Erkenntnis hatte sich schon aus der Einladung ergeben: Es handelte sich nicht um ein Bar Camp und sollte auch keines sein. Ein festes Vortragsprogramm als Brückenschlag für die angesprochene Zielgruppe schaffte das Fundament, ergänzt durch Workshops und die Filmvorführung „Die stille Revolution“.

Zum Start gab es am Sonntag einen Kaminabend mit Boris Thomas, Geschäftsführer von Lattoflex. Sein Großvater hatte 1956 den Lattenrost erfunden. Dies hat mir noch einmal deutlich gemacht, dass es schon immer Disruptionen gab. Die Taktung war nur in größeren Abständen und die Durchdringung hat länger gedauert. Die Durchschlagskraft war aber nicht weniger gering. Nachdem der Firmengründer mit einem „OP-Saal to go“ für Afrika gescheitert war hat sein Lattenrost die Art wie Menschen schlafen grundlegend geändert. Gesund werden im Schlaf war ein völlig neuer Ansatz.  

 

Der Montag startete drei „Upstalsboomer“ aus dem Hotel Deichgrafen. Sie haben mit Sebastian Schmidt einen neuen „Chef“ bekommen, der keiner seiner möchte und als Ingenieur auch keine Ahnung von der Branche hat.

Durch gemeinsames Ermutigen auf Augenhöhe wurde im Deichgrafen eine Vision 2022 ausgearbeitet und die Menschen in den Mittelpunkt des Handelns gestellt. Kunden, Mitarbeiter und die Bewohner des Dorfes Wremen stehen im Mittelpunkt des Stakeholder Values anstelle eines Shareholder Values.

 

Es ging weiter mit Arne Suter: Bisher waren Dentallabore oft nur Erfüllungsgehilfen der Zahnärzte. Er hat dem Familienunternehmen ein Gesicht gegeben und mit der Mission, in einer Manufaktur den Kunden Gesundheit und Wohlbefinden zu bringen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Wert ihrer Arbeit vermittelt. 

 

Den Abschluss des Vormittags gestalteten Nadine Nobile und Sven Frank von CO:X. Ihre Schilderungen über Partizipation und Kooperation wurden von einer Runde „LEGO serious play“ begleitet.

 

Nachmittags erläuterte Armin Lipp von der Corporate Happiness GmbH den Bezug der positiven Psychologie zur New Work. Die Hirnforschung bestätigt die Auswirkungen der glücksbasierten Unternehmenskultur.

 

Mit dem Workshop „Eigenland“ wurden mithilfe des gleichnamigen Spiels in Teams kontrovers Thesen diskutiert. Welch spannende Synthesen durch die konträren Biografien der Teilnehmer entwickelt wurden war beeindruckend.

Am Dienstag starteten wir mit einer Reflexion des Vortages und testeten die Plattform nextpractice-forum.de. Gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gibt es dort eine Austausch- und Informationsmöglichkeit zum Thema New Work.

 

Nach der Filmvorführung Die stille Revolution, der zweite Film zum Upstalsboom-Weg, gab es abschließend einen offenen Dialog mit Bodo Janssen, Geschäftsführer der Gruppe, über seine menschenorientierte Unternehmenskultur.
Er hatte sein neues Buch Stark in stürmischen Zeiten im Gepäck und "jammte" mit den Teilnehmern zum Thema menschenorientierte Führung.

 

Das Verhalten der Teilnehmer, überwiegend Selbständige aus der Generation 40+ , trieb zum Schluss einige Freudentränen in die Augen der Ausrichter: Aus Vorträgen wurden Diskussionsrunden und der Bäckernachwuchs einer Bäckereikette berichtete spontan, wie man durch Empowering von Auszubildenden die Zahl der Bewerbungen innerhalb von zwei Jahren von 7 auf 230 erhöht hatte. Mutausbrüche führten zu später Stunde zu Zeichenrunden und Gesangseinlagen.

 

Die Teilnehmer sind seit Jahrzehnten Entscheider in der Weiterentwicklung Ihrer Unternehmungen. Obwohl einige vorher noch nicht einmal die Bezeichnung New Work gehört hatten wurde ihnen der Paradigmenwandel deutlich. Die Halbwertzeiten von bestehenden Prozessen und Arbeitsweisen wird sich in Zukunft dramatisch verkürzen. Disruptive Technologien werden ganze Branchen auf links drehen. Trotzdem war keine Angst zu spüren, alle Beteiligten spürten eine Aufbruchsstimmung, sahen neue Chancen für geänderte Strukturen und änderten selbst den Ablauf des Programms von einer Vortragsreihe zu einem offenen Camp.

Wahrscheinlich lag es daran, dass sich engstirnige Despoten erst gar nicht zu dem Lehrgang angemeldet haben. Was aber in den zweieinhalb Tagen abgegangen ist hat gezeigt, dass nicht nur Startups New Work können. In bereits etablierten Unternehmen werden die neuen Denk- und Arbeitsstrukturen ihre Feuerprobe bestehen müssen. Es wird Bereiche geben, in denen die alte Arbeitsweise nicht mehr funktioniert, die neue aber auch noch nicht praktikabel ist. Hier werden sturmerprobte Unternehmensgestalter ihr Gespür für die richtige Mischung im Wandel einsetzen können. Ein Leuchtturm ist dabei der „Upstalsboom Weg“, im Camp von Sebastian Schmidt und Bodo Janssen sowie vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus allen Servicebereichen dargestellt.

 

Während viele Startups, ausgestattet mit Venture Capital und Business Angels keinen direkten Zwang zum Ertrag haben, sehen sich mittelständische Unternehmen täglich mit den Anforderungen des Marktes konfrontiert.

Hier auch in Zukunft die beste Mischung aus sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Ansprüchen zu erreichen wird die spannendste Herausforderung für die klassischen Betriebe sein.

 

Während meiner morgendlichen Laufeineinheiten auf dem Deich habe ich das Motto des Camps auch noch einmal überprüfen können: So sehr ich auch hingeschaut habe, den „Chefgrashalm“, der die anderen zum Wachsen anleitet, habe ich nicht entdeckt.

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